Das Venus-Prinzip
Das Ewigweibliche zieht uns hinan
Ich stehe in der Lobby des 5-Sterne Hotels. Wo wartet sie auf mich? Entspricht sie meinen Vorstellungen und werde ich ihr gefallen? Wie wird diese Begegnung mit einer Unbekannten wohl ablaufen? Ich habe sie aus dem Internet gewählt zu einem gemeinsamen Abend und einer intimen Nacht, sie, meine Muse, eine Künstlerin, von der es heißt, dass sie die Sprache der Liebe und der Verführung versteht.

Alle Lust will Ewigkeit
Was erhoffe ich mir von ihr? Ein Abenteuer mit erotischem Akzent? Geistreiches Flirten? Liebeslust mit grenzüberschreitender Geilheit? Oder ist es der Spaß an der Jagd nach der Femme fatale?
Wir sitzen nebeneinander im Theater, im Deutschen Theater. In der vierten Reihe. Kommen gerade noch rechtzeitig, um das Schauspiel auf der Bühne unmittelbar zu erleben. Ihre Hand berührt meine, ganz zart, während wir gebannt der Inszenierung von „Idomeneo“, interpretiert von Jürgen Gosch, folgen. Ich spüre die Wärme ihrer Haut. Wenige Meter vor uns, fast zum Greifen nah, nimmt auf der Bühne die Tragödie ihren Lauf: Krieg, Tod, Schuld und Verzweiflung. Und wir berauscht von Liebe.
Später Dinner im First Floor. Die Wahl fällt auf das 8-Gänge- Menü des Sterne-Restaurants. Erlesene Weine, exquisite Gaumenfreuden, begleitet von inspirierenden Gesprächen und viel sagenden Blicken. Ein Prickeln liegt in der Luft. Verlangen. Ich bitte sie, noch aufs Zimmer mit zu kommen, wenn sie mag.
Sie liebt den Tango. Also umgarne ich sie mit Tangoklängen. Gotan Project, Nuevo-Tango. Eng umschlugen tanzen wir in Richtung Bett. „Wenn ich einst sterbe, denke ich an heute Nacht, weil Dich zu spüren, einen Mann unsterblich macht “,
mit diesen Worten verabschiede ich mich am Morgen von ihr. Ziemlich pathetisch, ein Tango-Text-Zitat.

Wo Liebe nicht lebt, kann Kunst nicht entstehen
Als Symbol für Liebe und Kunst steht in der abendländischen Astrologie die Venus, Sinnbild für Weiblichkeit, die Anima, die schöpferische Energie. Kaum eine andere Göttin mag Künstler aller Epochen mehr inspiriert haben: ihre Weiblichkeit, Stabilität, Liebe und Ausstrahlung, Harmonie und Schönheit.
Der Mensch sucht die verloren gegangene Einheit – die Rückverbindung mit dem Göttlichen, die Erfahrung des Nicht-Getrenntseins. Durch die Verbindung von weiblicher und männlicher Energie im Herzen finden wir zu unserem Selbst, zu Liebe und Ganzheit zurück. Vom Wahrnehmen dieser universellen Lebensenergie, der Begegnung mit der Göttin, mit dem Ur-Weiblichen, kündet letztendlich alle Kunst.
Kunst und Liebe stehen einander sehr nahe. Beide können nicht „gemacht“ werden. Beiden können wir uns nur hingeben. Es ist das Berühren und das Berührt sein und dadurch die Erfahrung eines Größeren, das über die beiden Teile – Liebender und Geliebter – Maler und Leinwand – hinausgeht.
Reproduktion: Tizian „Venus von Urbino“
Foto: Venus 2009, Copyright: Uwe Hauth




